Produktion: LIDO. 2004, der Hörbuchverlag von Eichborn
Leander Lewin schreibt über seine Familie, eine Gruppe von Außenseitern, Verrückten, Menschen mit sonderbaren Begabungen oder Einstellungen zum Leben. Von ihren Mitmenschen eher gemieden, wachsen die Zwillinge Leander und Wanda in einem Haus gemeinsam mit ihrem älteren Bruder Jules, ihrer jüngeren Schwester Emma sowie ihrer Mutter Elisabeth und ihrer blinden Großmutter Maud auf (nebst Kater Wagner). Leander beschreibt ihr tägliches Leben, die Veränderungen im Laufe der Zeit, diverse Schicksalsschläge, aber auch Entwicklungen, Träume und Wünsche. Auf der ersten Seite ist er zwölf Jahre alt, auf der letzten dreißig - dazwischen liegen viele Ereignisse, die ihn selbst geformt haben ...
Gita Lehr, Jahrgang '68, legte mit "Die Lewins" ihren Debütroman vor.
Ursprünglich 400 Seiten stark wurde der Roman auf vier Stunden Hörbuch runtergekürzt. Zwangsläufig gingen dabei wohl einige Details verloren (ich persönlich kenne den gedruckten Roman nicht); innerhalb des Hörbuchs kommt es jedenfalls zu einigen Erwähnungen und Andeutungen, die im weiteren Verlauf nicht aufgelöst werden. Womit man aber noch leben kann, da der rote Faden weiter im Auge behalten wird ... beziehungsweise das, was man so "roter Faden" nennt, denn das Buch kann sich anfangs irgendwie nicht so richtig entscheiden, wo es eigentlich hinmöchte - natürlich ist es ein Familienroman, aber einzelne Figuren, die eben noch stark beleuchtet wurden, verschwinden unvermittelt aus dem Buch und tauchen erst sehr viel später wieder auf - wodurch man dem Leser gerade erst aufgebaute Bezugspersonen wieder wegnimmt. Auch die Familie selbst rückt gelegentlich aus dem Fokus, Leander darf sich neben seiner Schwester auch noch mit anderen Schülern herumschlagen, beginnt langsam zu pubertieren, ehe die Lewins dann doch wieder ins Zentrum rücken ... und dann gibt es da Elemente des Übernatürlichen ... und irgendwie weiß man nach einem Viertel des Romans eigentlich immer noch nicht, warum die Lewins den Ruf einer sonderbaren Familie haben ... dann entdeckt Leander die Sexualität ... und ungefähr zu diesem Zeitpunkt - wir befinden uns etwa in der Hälfte - beginnt der Roman, wirklich schlimm zu werden. Man könnte meinen, daß alle zehn Seiten ein Schicksalsschlag die Lewins heimsuchen muß. Alles wirkt sehr konstruiert bis willkürlich - echter Tiefgang wird hier nicht geboten, stattdessen wird ein Familienmitglied nach dem anderen abgehandelt. Irgendwann stumpft man als Hörer einfach nur noch ab, interessiert sich auch nicht mehr sonderlich für das immer wieder aufgekochte Liebesleben von Leander Lewin und läßt den Rest nur noch an sich abperlen. Von einem eigentlich ganz interessanten Ausgangspunkt steuert die Autorin ab der Hälfte streng in Richtung Groschenroman. Da wäre eindeutig mehr dringewesen.
Matthias Schweighöfer als Sprecher ist ein zweischneidiges Schwert. Er wirkt häufig etwas unsicher und setzt einige Betonungen innerhalb des Satzes falsch. Andererseits paßt er vielleicht auch gerade deshalb hervorragend zum Buch, denn auch Leander Lewin ist häufig unsicher (und verbringt anscheinend ziemlich viel Zeit damit, sich vorzuwerfen, daß er an bestimmten Punkten in seinem Leben nicht einfach fortgerannt ist). Einige etwas kritische Stellen (Erotik / Homoerotik), die schon mal bei anderen Sprechern zu Schiffbruch geführt haben, meistert Matthias Schweighöfer überraschend gut, bei anderen dagegen, vor allem bei den Schicksalsschlägen gegen Ende, die Leander eigentlich am Boden zerstören, schafft er es nicht, die Figur am Leben zu erhalten - stattdessen wirkt vieles recht unpersönlich. Andererseits - dieses Phänomen kann auch vom Roman provoziert worden sein. Unterm Strich liefert er jedoch eine gute Leistung ab.
Nur für die Hartgesottenen zu empfehlen, denen viele lose Enden in der Handlung und ein überfrachtetes Ende absolut nichts ausmachen.
Gespeichert:
01.04.2008
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